Kunst. Macht. Hoffnung.

11. September 2000.

Eine zierliche junge Frau – gerade 18 Jahre alt – umringt von drei Männern. Angst, aber auch eine Spur von Trotz spiegeln sich in den Augen des Mädchens wieder, während die kräftigen Kerle sie in eine feuchte, kellerähnliche Kammer bringen. Ihre panischen Schreie erfüllen den Kellerabgang – und weichen dann anderen Geräuschen. Ein dumpfer Schlag, als sie gegen die Wand geschleudert wird. Der stahlharte Schädel ihres Peinigers prallt voller Wucht gegen ihren Kopf. Ein Rumpeln, als eine starke Hand nach ihrem Hals greift, sie gegen die kalte Mauer drückt und würgt. In diesem Augenblick verdunkeln sich ihre Augen …

Ein lautes Knallen zerreisst die Stille.
Schüsse…

Was wie eine Entführung durch die Mafia klingt, ist eine staatliche Einschüchterungsaktion. Bei den drei Männern handelt es sich um Mitarbeiter der ukrainischen UBOP – ein Sonderkommando der Polizei, eigentlich zur Bekämpfung von organisiertem Verbrechen. Inzwischen gibt es diese Truppe nicht mehr, die ihre Opfer – und damit Recht und Gesetz – mit Füßen tritt. Die junge Frau lässt sich trotz all der Gewalt und Ungerechtigkeit nicht einschüchtern.

Natalia Ohar ist nicht nur die Tochter eines ehemals erfolgreichen ukrainischen Unternehmers, sondern auch Juristin und Publizistin. Seit 15 Jahren führt sie in ihrer Heimat einen unermüdlichen Kampf: gegen die Korruption in ihrer Heimat – und für die Menschenrechte.

Kunst kann erzählen.
Kunst kann entlarven.
Kunst kann stärken.
Und Kunst kann bewegen.

In diesem Sinne arbeitet die in 1981 geborene Ukrainerin an einem groß angelegten multimedialen Projekt. Zunächst erzählt sie ihre Geschichte anhand einer aufwändig gestalteten Collage.

Dieses Mosaikbild (PRESS MOSAIC) funktioniert auf mehreren Ebenen: es kombiniert die Vergangenheit und die gegenwärtigen Realitäten in der Ukraine. Grafik und Typografie illustrieren mit den Mitteln der Kunst eindrücklich eine Geschichte in der Geschichte. Einerseits machen sie das nahezu bizarre Paradoxon sichtbar: alle integrierten Staatsorgane – die Polizei, die Justiz, die Staatsanwaltschaft und vor allem die Gerichte – haben eigentlich die Aufgabe, für Gerechtigkeit zu sorgen. Natalia Ohars Geschichte zeigt, dass in der Ukraine diese Institutionen zusammen mit den mächtigen Finanzclans die wahren Verbrecher sind.

Die einzelnen Elemente des Motivs formen das komplexe Bild einer zerbrechlichen jungen Frau, zersplittert in tausend Teile. Die Summe dieser Teile entfaltet die Macht, das System zum Straucheln zu bringen. Denn das Kunstwerk zeigt auch die positiven Auswirkungen: erfolgreiche Gerichtsprozesse, aufklärende Pressebeiträge, in die Ecke gedrängte Beamte und hochrangige Politiker. All das gibt Hoffnung auf eine freie, rechtsstaatliche Ukraine. Die Menschen sollten nicht vor ihrem Staat auf der Hut sein – vielmehr sollte der Staat seine Bürger schützen.

Das Projekt erzählt vom Widerstand einer jungen Frau gegen den übermächtigen korrupten Staat – und ist so ein Zeichen der Hoffnung in diesen flüchtigen Tagen der hochtechnisierten Globalisierung. Widerstand braucht Mut – und Ausdauer. Genau wie die Hoffnung auf eine freie, gerechte und starke Ukraine gedeiht, wächst auch das Projekt von Natalia Ohar.

ArtPrints des Motives sind in zwei limitierten Fassungen erhältlich.